Wellness in der Krise Schwimmbad zu vermieten

Stand: 17.04.2021 16:30 Uhr

Schwimmbäder, Saunen und Thermen sind seit vielen Monaten geschlossen, doch die hohen Unterhaltskosten bleiben. Ein Betreiber in Rheinland-Pfalz vermietet sein Bad stundenweise.

Von Lucretia Gather, SWR

"Eins, zwei, drei ...!" Der dreijährige Elian springt immer wieder vom Beckenrand aus in die Arme seiner Mutter, dreht mit seinen Schwimmflügeln eine kurze Runde im Wasser und steigt wieder raus, bereit für den nächsten Sprung. Seine Eltern haben sich zusammen mit einer befreundeten Familie bei der Schwimmschule "Flip" im rheinland-pfälzischen Meisenheim eingemietet und für zwei Stunden ein ganzes Hallenbad für sich alleine. "Es ist ganz toll", sagt Elians Mutter Nina Köberlein-Bareiß, "zwar nicht ganz billig, aber wir gönnen uns einfach mal die Auszeit." 75 Euro pro Stunde kostet der Wasser-Spaß.

Pumpen müssen weiterlaufen

Betreiber des Schwimmbades ist Stefan Nerbas, neben dem Bad in Meisenheim betreibt er noch ein zweites in Bad Kreuznach. Beide sind im Besitz der Stiftung Kreuznacher Diakonie. Seit Monaten sind die Becken leer, lediglich Wassertherapie für Menschen mit Behinderung wird hier noch ab und zu angeboten.

Doch die Fixkosten bleiben. 10.000 Euro koste die Unterhaltung alleine eines Bades pro Monat, rechnet Nerbas vor. Das Wasser müsse saubergehalten werden, die Technik weiterlaufen. "Ich kann die Pumpen ja nicht einfach abschalten", so Nerbas.

Schwimmbad-Betreiber Stefan Nerbas | Bildquelle: Lucretia Gather/SWR
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Mit stundenweiser Vermietung der Schwimmhalle will Badbetreiber Stefan Nerbas etwas Geld in die leere Kasse spülen.

Zuschussgeschäft Schwimmbad

Etwa 9000 Schwimmbäder und öffentliche Badestellen gibt es laut dem "Bäderatlas" der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen in Deutschland.  Die Mehrzahl davon, etwa 6000, seien kommunal betrieben.  

Sportökonom Lutz Thieme von der Hochschule Koblenz leitet ein vom Bund gefördertes Forschungsprojekt, das erstmals verlässliche Daten über Bäder in Deutschland sammelt. Nahezu jedes Bad, das privat betrieben wird, sei auf kommunale Zuschüsse angewiesen, so der Experte. "Es gibt vielleicht eine Handvoll privater Investoren in Deutschland, die es schaffen, ein Bad kostendeckend zu betreiben", sagt Thieme. Die hohen Unterhaltungskosten zwängen früher oder später jeden Investor in die Knie, und Zuschüsse der Städte oder Gemeinden würden nötig.

Thieme befürchtet, dass die Corona-Krise die Situation der Badbetreiber in Deutschland weiter verschlechtert. Denn wenn die Finanzkraft der Kommunen sinke, seien diese zu Einsparungen gezwungen. Da der Bereich Sport keine ihrer Pflichtaufgaben sei, werde häufig genau dort der Rotstift angesetzt, sagt der Sportökonom. "Und was ist im Sportbereich am teuersten? Die Schwimmbäder."

Viele Schließungen befürchtet

Auch Christian Mankel von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen sagt voraus, dass viele Bäder, die abhängig von kommunalen Zuschüssen seien, in Schwierigkeiten geraten könnten. 

Die direkten und indirekten Folgen der Corona-Pandemie könnten in den kommenden Jahren zu einer Vielzahl von Bäderschließungen führen, befürchtet er. Mankel fordert eine Öffnungsperspektive und wünscht sich außerdem, dass sich die Kommunen dazu bekennen, Bäder als unverzichtbaren Teil öffentlicher Daseinsfürsorge zu betrachten und deren Finanzierung zu sichern.

Viele Insolvenzen bei Sauna-Betreibern

Auch Betreiber von Saunen leiden unter der Corona-Pandemie. Der Geschäftsführer des Deutschen-Sauna-Bundes, Martin Niederstein, sagt: "Wir befürchten, dass ein großer Teil der kleineren, privaten Sauna-Betriebe dauerhaft schließen muss." 45 Prozent der öffentlichen Saunabäder in Deutschland seien kommunal betrieben, mehr als die Hälfte privatwirtschaftlich.

Die Herausforderungen in diesem Sektor seien ähnlich wie bei den Bädern: Durch die personal- und energieintensive Kostenstruktur sei es besonders schwer, ohne kommunale Zuschüsse einen wirtschaftlich erfolgreichen Sauna-Betrieb zu führen. Namhafte Betreiber hätten bereits insolvenzbedingt schließen müssen.

Der zweite Lockdown, der seit dem 2. November andauert, falle mitten in die Sauna-Hauptsaison. Trotz staatlicher Wirtschaftshilfen seien die finanziellen Reserven vieler Saunabetriebe ausgeschöpft. Wenn sie wieder öffnen dürften, werde es schwer, die Einnahmeverluste im Sommer zu kompensieren.

Die Bade- und Saunalandschaft in Deutschland wird wohl ausgedünnt sein, nach der Corona-Krise. Dabei gibt es Badewillige genug: Die Schwimmbad-Vermietung in Meisenheim kommt gut an. Betreiber Nerbas sagt, er sei selbst überrascht gewesen über das riesige Interesse. "Wir haben den Aufruf ins Internet gesetzt, und innerhalb von 24 Stunden war der gesamte April ausgebucht."

Über dieses Thema berichtete das Magazin Brisant am 16. April 2021 um 17:15 Uhr.

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